Zum Abschluss des Themas soll hier noch auf die Fälle eingegangen werden, in denen einem langen Vokal oder einem Doppelvokal ein stimmhaftes s folgt und deshalb kein ß verwendet wird.

Ein illustrierendes Beispiel für diesen Fall ist das Verb säuseln: Es besteht aus den beiden verschiedenen s-Lauten (stimmlos am Anfang und stimmhaft im Wortinnern) und bedeutet gleichzeitig die Art wie das stimmhafte s gesprochen wird, nämlich wie gesäuselt. Während beim stimmlosen s die Zunge an der unteren Zahnreihe liegt, vibriert oder säuselt sie beim stimmhaften s zwischen den beiden Zahnreihen. Gleich verhält es sich zum Beispiel bei den Verben niesen oder lösen im Gegensatz z. B. zu geniessen (genießen) oder entblössen (entblößen). In den Fällen also, da ein stimmhaftes (oder gesäuseltes) s nach langem Vokal steht, wird dieses nicht als ß geschrieben. Und dies ändert sich auch nicht, wenn das s in einer anderen Form des entsprechenden Wortes stimmlos ausgesprochen wird, wenn ein Konsonant folgt, beispielsweise in «er niest» oder «sie löst». (Dieses Phänomen wird als Auslautverhärtung bezeichnet – das s wird stimmlos oder eben hart, wenn ein Konsonant folgt.) Hier bleibt – auch hinsichtlich des voran in Teil 2a ausgeführten – noch zu ergänzen, dass auch das stimmlose s nach langen Vokalen in Wortstämmen (sozusagen Grundformen des Worts), die auf einem Konsonant enden, nicht als ß geschrieben wird: Faust, Geist oder Trost.

Ich hoffe, mit diesen und den vorangehenden Ausführungen ein wenig Aufklärung zum Thema «ß oder ss?» gebracht zu haben und stehe sonst gerne für weitere Fragen hier im Forum oder auch über das Kontaktformular zur Verfügung – und sonst hilft immer auch ein Blick ins Wörterbuch!

Nach dem kurzen historischen Einblick soll nun näher auf die für Schüler und Lehrer qualvollen s-Regeln bzw. ß-Regeln eingegangen werden. Dazu zitieren wir den entsprechenden Ausschnitt aus dem Duden-Regelwerk:

«ß [...] steht in Wortstämmen, in denen auf einen langen Vokal oder einen Diphthong (Zwielaut) nur ein einfacher, stimmloser s-Laut folgt. Dies gilt jedoch nur, wenn der s-Laut in allen Beugungsformen stimmlos bleibt [...].» (duden.de/...doppel-s-und-scharfes-s)

Da ist also einerseits von langem Vokal oder Diphthong und andererseits von einfachem stimmlosem s-Laut die Rede. In diesem Teil liegt der Schwerpunkt auf der Vokallänge.

Um einen Eindruck von den verschiedenen Vokallängen zu erhalten, scheint es am einfachsten, entsprechende Wortpaare gegenüberzustellen:

Fuss (Fuß) – Fluss

Strasse (Straße) – Gasse

Floss (Floß) – Flosse;

oder die im Schweizerischen gleich geschriebenen Wortpaare:

Masse (Maße) [Abmessungen] – Masse [grosse Menge]

Busse (Buße) [Sühne; für Rechtsverletzung zu bezahlender Ausgleich] – Busse [Mehrzahl von Kraftwagen für mehrere Personen].

Anhand dieser Beispiele lässt sich der Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen heraushören und analog auf weitere Beispiele ausweiten. Und ein ß steht nur nach entsprechend langen Vokalen oder Diphthongen – oder Zwielaute, was aufgrund der beiden Vokale schon mehr «Länge» bedeutet – wie au in aussen (außen), äu in äusserst (äußerst), ei in beissen (beißen) oder eu in scheusslich (scheußlich) usw.

Im nächsten Teil wird die wohl schwieriger zu bestimmende Stimmhaftigkeit der Vokale Thema sein.

Ein auffälliger Unterschied zwischen der schweizerischen und der deutschen bzw. österreichischen Schriftsprache ist die Verwendung des ss anstelle des ß (Eszett). In einem ersten Teil unter diesem Titel hier ein kurzer Abriss über die Geschichte, die zur unterschiedlichen Schreibweise geführt haben dürfte.

Ihren Ursprung hat die unterschiedliche Anwendung wohl eher nicht – wie häufig angeführt – in der Tastaturbelegung der (begrenzten) Schreibmaschinentasten, die in der Schweiz auch die Akzentbuchstaben des Französischen und Italienischen umfassen sollte, wofür auf das ß-Zeichen verzichtet wurde. Vielmehr dürfte den Ausschlag gegeben haben, dass die entsprechenden «S-Regeln eine Qual für Lehrer und Schüler seien», wie in einem Artikel der NZZ von 1938 zu lesen ist (vgl. dazu auch: ds.uzh.ch/presse/26.pdf).

Wie dem auch sei, einerseits kann die ausschliessliche Verwendung des Doppel-s zu Verwirrung führen, wie beispielsweise in: «Die Busse für die Beschädigung der Busse war angemessen.» Andererseits kann es zu falschen Trennungen in Textprogrammen vor einem Doppel-s, das im Deutschen als ß geschrieben würde, anstatt zwischen den beiden s führen, wenn die entsprechende Textsprache nicht für «Deutsch (Schweiz)» definiert wurde.

Daneben wird auch im Deutschen in Versalschrift das Doppel-s verwendet, da ß nie am Wortanfang steht und deshalb kein grossgeschriebenes ß definiert wurde. (Wobei ß seit 2017 mit der Rechtschreibreform in der Versalschrift auch erlaubt ist.)

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